Mutter. Macherin. Systemdribblerin.

Aline Sommer-Noack ist Mutter von drei Söhnen – und kennt Neurodivergenz nicht nur aus Fachbüchern oder Fortbildungen, sondern aus dem echten Leben. Ihre Söhne sind auf ganz unterschiedliche Weise neurodivergent. Drei Persönlichkeiten. Drei unterschiedliche Wege. Und eine Mutter, die irgendwann beschlossen hat, nicht länger nur gegen das System anzurennen, sondern es zu verstehen.

„Ich musste das System verstehen.“

Was vor rund 14 Jahren mit dem eigenen Sohn und einem schmerzhaften Zusammenstoß mit Schule begann, wurde zu einem wichtigen Teil ihres Lebens. Aus der Mutter, die Antworten suchte, wurde eine engagierte Elternvertreterin. Heute ist Aline stellvertretende Vorsitzende des Bundeselternrats. Dabei hat sie gelernt: Es reicht selten, festzustellen, dass etwas nicht funktioniert. Man muss herausfinden, wo es hakt.

Haltung und Pragmatismus

Aline glaubt nicht daran, neurodivergente Menschen „reparieren“ zu müssen. Gleichzeitig hält sie wenig davon, jede Herausforderung zur „Superkraft“ zu verklären. Neurodivergenz kann verdammt anstrengend sein. Für Betroffene. Für Familien. In Schule, Ausbildung und Beruf. Aber sie muss keine Tragödie sein. Entscheidend ist eine andere Frage:
Was braucht ein Mensch, damit er zeigen kann, was in ihm steckt?

Aus der Not wurde ein Businessplan

Als Neurodivergenzcoach und Personalmanagerin kennt Aline nicht nur die familiäre Perspektive. Sie versteht auch die Logik von Organisationen, Führung und beruflichen Übergängen. Über Jahre begegneten ihr immer wieder dieselben Fragen: Was brauchen Kinder, Eltern, Fachkräfte und Unternehmen, damit Neurodivergenz nicht zum Hindernis wird? Irgendwann war klar: Die Antworten dürfen nicht nur im eigenen Wohnzimmer funktionieren.

Neuroinklusion über den gesamten Lebensweg

So entstand gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern das European Institute for Neurodivergenz. Das EIFND verbindet Wissen, praktische Strategien und Qualifizierung mit einem Blick auf den gesamten Lebensweg – von Familie und Schule bis in die Arbeitswelt. Das Ziel ist nicht, Menschen an bestehende Strukturen anzupassen. Das Ziel ist, Strukturen so weiterzuentwickeln, dass unterschiedliche Menschen darin erfolgreich sein können.

„Was können wir verändern?“

Neurodivergenz ist längst kein Randthema mehr. Menschen nehmen unterschiedlich wahr, lernen, kommunizieren, arbeiten und regulieren sich auf verschiedene Weise. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr nur: „Was stimmt mit diesem Menschen nicht?“ Sondern: „Was können wir verändern, damit es funktioniert?“ Oft beginnt das ganz pragmatisch: mit einem offenen Gespräch, klaren Absprachen, einer Exit-Strategie und der Bereitschaft, etwas Neues auszuprobieren.

Hilfe zur Selbsthilfe

Alines Söhne können heute selbst benennen, wann es ihnen zu viel wird. Sie wissen, was ihnen hilft, fordern Pausen ein und lernen, ihre Bedürfnisse nicht als Schwäche, sondern als wichtige Information zu verstehen. Für Aline ist das ein wesentlicher Schlüssel: Hilfe zur Selbsthilfe statt dauernder Anpassung von außen. Und wenn ein Kind an einer Struktur zerreibt, zeigt sich durchaus ihr „Endgegnerpotenzial“.

Auch Löwenmütter brauchen einen Anker

Jahrelang hat Aline funktioniert, organisiert, vermittelt und für ihre Söhne gekämpft. Dabei vergaß sie, dass auch eine Löwenmutter ihre Batterien aufladen muss. Heute würde sie anderen Eltern sagen: Ihr müsst nicht perfekt sein. Ihr dürft erschöpft sein, Fehler machen und euch Hilfe holen. Denn Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen Menschen, die bleiben, hinschauen, zuhören und bereit sind, dazuzulernen.

Alter Sensus

Projekte und Materialien zur Förderung der psychischen Gesundheit von Kindern – praxisnah, kreativ und für den pädagogischen Alltag entwickelt.

Europäisches Institut für Neurodivergenz

Wissen, Beratung und Weiterbildung rund um Neurodivergenz – mit dem Ziel, Verständnis und Neuroinklusion zu fördern.

Der Bundeselternrat vertritt die Interessen von Eltern auf Bundesebene und bringt ihre Perspektiven in bildungspolitische Diskussionen ein.

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